Vorräte lügen nicht

Lagerhaltung
Ein Blick auf die Vorräte wirkt erhellend

Ein ausführlicher Blick auf die Vorräte lohnt sich bei jeder Bilanzanalyse, aber besonders bei produzierenden Unternehmen oder Unternehmen aus zyklischen Branchen. Die Schwankungen der Vorratshaltung und die Zusammensetzung der Vorräte kann dem analytischen Anleger einiges über die zukünftige Entwicklung des Unternehmens verraten. Unter Umständen sieht der Analytiker hier interessante Hinweise, die sich erst ein oder mehrere Quartale später in der Gewinn- und Verlustrechnung niederschlagen. Am Beispiel des Chemiekonzerns Covestro möchte ich heute beispielhaft zeigen, wie man die Vorratsbilanz unter die Lupe nehmen kann.

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Pensionsrückstellungen – wie belastend sind sie wirklich?

Der Konzernabschluss von Volkswagen ist nicht gerade ein unterkomplexes Dokument und leicht übersieht man darin die eine oder andere Position. Doch als ich vor kurzem den Jahresabschluss für 20Screen Shot 2020-08-18 at 18.39.5819 vor mir hatte, stach mir doch eine Position allein wegen ihrer schieren Grösse ins Auge: Im Gesamtergebnis war ein Verlust von über 8 Mrd. € aus der Neuberwertung von Pensionsplänen (vor Steuer) ersichtlich. Dieser Verlust belastete das Eigenkapital, aber nicht die Gewinn- und Verlustrechnung.

Oft führt ja die Gesamtergebnisrechnung ein gewisses Stiefmütterchendasein und der Investor schenkt ihr wenig Beachtung, da sie nicht in die eigentliche GuV einfliesst. Trotzdem sind 8 Milliarden ein grosses Wort, selbst für den Volkswagenkonzern. Mir war nicht klar, ob und wie eine solche Belastung für den Investor relevant sein sollte. Welche Belastungen gehen für das Geschäft des Unternehmens real von den Pensionen aus? Ist das alles nur eine rechnerische Grösse, die keinerlei Rückwirkungen auf das operative Geschäft hat? Weiterlesen „Pensionsrückstellungen – wie belastend sind sie wirklich?“

Quality of Earnings (Buchbesprechung)

Screen Shot 2020-08-04 at 18.56.09Im Frühjahr 2018 wälzte ich mal wieder den aktuellen Jahresbericht der Vapiano AG. Ein vielversprechendes Geschäftsmodell, das schnelles Wachstum versprach; eine Kette mit gehobenem Fastfood italienischer Art, die einen  erfolgreichen IPO hingelegt hatte. Die Expansion der Filialen erfolgte schnell und international. Profitabilität war zwar noch nicht gegeben, aber immerhin schon auf der Ebene des EBITDA erreicht. Die Bewertung halbwegs moderat. Was sollte da noch schiefgehen? Ein kleiner Schönheitsfehler waren nur die wiederholten „Sonderaufwendungen“ z.B. für den IPO, Restauranteröffnungen und -umbauten, sowie Restrukturierungen. Regelmässig wurde ein „bereinigtes“ Ergebnis ausgewiesen, welches signifikant vom unbereinigten Ergebnis nach IFRS abwich. Sollte das eine rote Ampel sein, die man besser nicht überfährt? Ich zerbrach mir den Kopf, wie diese Abweichungen in den Bilanzen von Vapiano zu bewerten wäre und was sie für eine Investitionsentscheidung bedeuteten. Die meisten werden wissen, dass die Vapiano-Story für die Aktionäre kein gutes Ende fand. Glücklicherweise konnte ich persönlich deutlich vor der Insolvenz aussteigen, nicht ohne ein moderates Lehrgeld zu bezahlen. Weiterlesen „Quality of Earnings (Buchbesprechung)“

Bilanzfälscher: Anleger müssen selbst hinschauen

Wer in Einzelaktien investiert, muss selbst hinschauen und sich ein Urteil zu bilden. Wirecard zeigt, dass es nicht einmal besonders schwer ist, denn das Menetekel war längst an der Wand zu sehen.  Ein Rückzug des vorsichtigen Anlegers daher schon vor Monaten angezeigt. Das blosse Gejammer über das Versagen von Behörden und Regulierern ist kein Ersatz für eigene Kompetenz. Die Geschichte der Börsenbetrüger zeigt: Es gibt klare Anzeichen, die unethische oder gar betrügerische Manager entlarven können.

Wie konnte Wirecard so lange den schönen Schein eines erfolgreichen Technologieunternehmens wahren? Aktionäre und Wirtschaftspresse zeigen mit dem Finger auf EY, das BaFin oder die Deutsche Börse: Bilanzprüfer und Aufsichtsbehörden hätten vollständige versagt. Und da ist sicherlich etwas Wahres dran. Statt Wirecard unter die Lupe zu nehmen, hat die BaFin in einem protektionistischen Reflex ein Leerverkaufsverbot erlassen. EY hat offensichtlich Belege über Bankguthaben in Milliardenhöhe keiner Echtheitsprüfung unterzogen. Seit vielen Monaten gab es Hinweise aus Recherchen der Financial Times, dass Wirecard in grösserem Umfang Umsätze und Transaktionen gefälscht hat. Behörden und Prüfer haben das alles viel zu lange ignoriert. Die Wirecard-Investoren waren jeweils nur kurz irritiert und die Kurse haben sich immer wieder schnell erholt. Weiterlesen „Bilanzfälscher: Anleger müssen selbst hinschauen“

IFRS 16 – Plötzlich profitabler aber mit mehr Schulden?

Seit dem 1. Januar 2019 müssen Unternehmen, die nach IFRS berichten, den neuen Standard IFRS 16 zur Bilanzierung von Leasingverträgen anwenden. Bisher wurden Leasingverhältnisse nach IAS 17 bilanziert. Die Anwendung von IFRS 16 kann gravierende Folgen für die Bilanz, für die GuV und für den Cashflow haben. Gerade in den letzten Monaten ist es vielleicht aufgefallen, dass in den Geschäftsberichten Veränderungen vorkommen, die bei vielen Investoren zu Verunsicherungen führen: Warum sinkt plötzlich die Eigenkapitalquote? Warum steigt das EBITDA stark an während die Finanzschulden wachsen? Was passiert mit den verschiedenen Positionen der Cashflowrechnung? Weiterlesen „IFRS 16 – Plötzlich profitabler aber mit mehr Schulden?“

Währungen und ihre Risiken für das Portfolio in Zeiten des „Whatever it takes“

Die Geldnotendruckereien laufen auch Hochtouren und Politiker kennen keine Grenzen mehr bei der Verschuldung. Die Zentralbanken kaufen Schrottanleihen, um die Geldmenge zu erhöhen und die Bank of EScreen Shot 2020-04-28 at 09.07.38ngland schickt sogar das frisch gedruckte Geld direkt in die Downing Street. All das wird derzeit in der Öffentlichkeit mit einem Achselzucken quittiert, denn die Strategie heisst ja  „Whatever it takes„. Fragen werden nicht mehr gestellt, da man sich ja (wieder einmal) in der grössten und schlimmsten Krise seit Menschengedenken wähnt. Weiterlesen „Währungen und ihre Risiken für das Portfolio in Zeiten des „Whatever it takes““

Wie die Krise Kapitalvernichter entlarvt

Der Versicherer Helvetia hat diese Woche bestätigt, dass man  250 Mio. SFr Dividende auszuschütten gedenkt, während gleichzeitig das Aktienkapital in ähnlicher Summe für eine Akquisition erhöht werden soll.   Die Anleger reiben sich die Augen angesichts dieses widersprüchlichen Verhaltens: Einerseits bezahlt das Unternehmen aus der linken Tasche eine – für die meisten Anleger steuerpflichtige –  Dividende und andererseits steckt man in die rechte Tasche das Geld aus einer Kapitalerhöhung, die das Vermögen der Aktionäre verwässert. Der CFO begründet diese Art der Kapitalvernichtung damit, dass viele Aktionäre ja schliesslich eine Dividende erwarten würden und nicht enttäuscht werden dürften. Weiterlesen „Wie die Krise Kapitalvernichter entlarvt“

Kommentierte Link-Sammlung zur Coronakrise vom 27. März 2020

The Hardest Hit Companies of the COVID-19 Downturn: The ‘BEACH’ Stocks: Sehr gute grafische Darstellung der Unternehmen, die am Markt in der Coronakrise am stärksten abgestraft wurden  (aus US-Perspektive). BEACH steht für Booking, Enterntainment, Airlines, Cruises and Casinos, Hotels and Resorts.

17 Stocks With Fortress Balance Sheets: Auch in dieser Krise  haben Unternehmen mit einer starken Bilanz klare Vorteile. Morningstar stell 17 davon vor, wie z.B. Alphabet, Coke, aber auch die Schweizer Firmen Novartis und Roche.

Three Things I Feel Strongly About – And Why I Might Be Wrong: Sehr schöne Diskussion von Lieblingsthesen der Valueanleger und warum sie doch falsch liegen könnten. Z.B. die These „This is a great buying opportunity for long-term investors – and why I might be wrong“. Es ist immer sinnvoll auch zu durchdenken, warum man falsch liegen könnte – Stichwort „Confirmation Bias“.

Der Corona-Crash : psychologische Selbstbeobachtung: Wie der Titel schon sagt, geht es um die psychologische Selbstspiegelung eines Anlegers in den verschiedenen Phasen des Crash. Das reicht von „Buy the Dip“ am Anfang bis „Das wird eine tiefe Rezession“.

Surviving The Coronavirus Crash: ‘You Make Most of Your Money in a Bear Market; You Just Don’t Realize it at the Time’: Man verdient am meisten in einem Bären-Markt, aber es fühlt sich zum Zeitpunkt des Einstieg ganz anders an. Bezieht sich auf die Regeln von good, old Benjamin Graham.

 

 

Der zeitlose Mr. Market

Aus aktuellem Anlass hier die schöne Geschichte von Mr. Market aus dem Annual Letter von Berkshire Hathaway aus dem Jahr 1987 verfasst von Warren Buffett (herausgehobene Stellen von mir). Immer wieder wichtig zu lesen:

Ben Graham, my friend and teacher, long ago described the mental attitude toward market fluctuations that I believe to be most conducive to investment success. He said that you should imagine market quotations as coming from a remarkably accommodating fellow named Mr. Market who is your partner in a private business. Without fail, Mr. Market appears daily and names a price at which he will either buy your interest or sell you his.

Even though the business that the two of you own may have economic characteristics that are stable, Mr. Market’s quotations will be anything but. For, sad to say, the poor fellow has incurable emotional problems. At times he feels euphoric and can see only the favorable factors affecting the business. When in that mood, he names a very high buy-sell price because he fears that you will snap up his interest and rob him of imminent gains. At other times he is depressed and can see nothing but trouble ahead for both the business and the world. On these occasions he will name a very low price, since he is terrified that you will unload your interest on him.

Mr. Market has another endearing characteristic: He doesn’t mind being ignored. If his quotation is uninteresting to you today, he will be back with a new one tomorrow. Transactions are strictly at your option. Under these conditions, the more manic-depressive his behavior, the better for you.

But, like Cinderella at the ball, you must heed one warning or everything will turn into pumpkins and mice: Mr. Market is there to serve you, not to guide you. It is his pocketbook, not his wisdom, that you will find useful. If he shows up some day in a particularly foolish mood, you are free to ignore him or to take advantage of him, but it will be disastrous if you fall under his influence.

…[A]n investor will succeed by coupling good business judgment with an ability to insulate his thoughts and behavior from the super-contagious emotions that swirl about the marketplace. In my own efforts to stay insulated, I have found it highly useful to keep Ben’s Mr. Market concept firmly in mind.

Noch mehr Lernpunkte aus zwei Crashs

Auf meinen Beitrag zum Thema „Zehn Lernpunkte aus zwei Crashs“ habe ich einige interessante Reaktionen erhalten. Daher gibt es heute noch ergänzende Punkte – besten Dank insbesondere an Christian N. und seine Gedanken.

  • Wenn sich die Situation wieder verbessert, reagiert die Börse als Frühindikator, lange bevor man die Verbesserung real erkennt,  z.B. am Bruttosozialprodukt gemessen. Der Markt reagiert  dann aber nicht graduell sondern sehr schnell, sehr stark.
  • Im Crash  wird getestet, ob man wirklich eine solide persönliche Strategie hat, mit der richtigen Einschätzung von eigener Risikobereitschaft und -fähigkeit und der entsprechenden Allokation und Diversifikation – und ggf. externen Management. Wenn der Spuk vorbei ist, muss man sich Gedanken machen und die eigene Strategie ggf. neu justieren. Eine Veränderung mitten in der heissen Phase funktioniert selten.
  • Man hat immer das Gefühl, dass man alles hätte besser machen können. Aber man muss lernen, mit den eigenen Entscheidungen zu leben. Timing klappt nie, echte Strategie beruhigt.
  • Be prepared. Berater sind schwer zu erreichen und gestresst, Websites (insbsondere von Banken) sind überlastet, Hotlines mit Warteschleife. Man darf sich davon nicht stressen lassen
  • Dividenden sinken viel weniger und langsamer als der Markt. Man kann sich darauf verlassen, dass Dividenden im grossen und ganzen weiter gezahlt werden, bzw. dass die Dividendenzahlungen sehr schnell zur Normalität zurückkehren. Selbst in der grossen Krise 2008/2009 sanken die Dividenden lediglich um 25% (S&P 500). In der Dot-Com-Krise noch wesentlich weniger.1537467177033-image